Solidarität in der Stadt: So kommen auch Bedürftige zu einem Kaffee – zentralplus

Einen Kaffee bezahlen, der später von einem bedürftigen Menschen getrunken werden kann. In Basel und Bern ist diese Idee unter dem Namen «Café Surprise» bereits gross geworden. In Luzern läuft es erst an. Was sagen die Beizer dazu? Und was die Bedürftigen?

Das Strassenmagazin Surprise ist nicht nur die «Nationale Gassenzeitung», sondern ein Verein mit zahlreichen Projekten. Eines davon ist «Café Surprise», mit welchem man sich im Alltag solidarisch zeigen kann.

Die Idee ist einfach: Als Gast kann man, wenn man einen Kaffee trinkt, noch einen zusätzlich bezahlen und dieser kann später von einer bedürftigen Person konsumiert werden. Natürlich nur in den Beizen, welche das Projekt unterstützen (siehe Box).

Es ist nicht nur Kaffee

Das Konzept beruhe auf einer Tradition namens «Caffè sospeso», erkärt Zaira Esposito, die bei Surprise für das Projekt zuständig ist. «In Neapel gibt es diese Idee seit über 100 Jahren.» Und auch unsere deutschen Nachbarn kennen diese Alltagssolidarität unter dem Namen «aufgeschobener Kaffee».

«Es ist natürlich immer erstmal eine Hemmschwelle da, einen solchen Kaffee zu bestellen.»
Dominik Meyer, Pächter Jazzkantine und Meyer Kulturbeiz

Viele Menschen wüssten oft nicht, wie sie Bedürftige unterstützen können, weiss Esposito. «Einen Kaffee spendieren ist so einfach – für Betriebe, aber auch für die Gäste.» Und es gehe nicht nur um den kostenlosen Kaffee, betont Esposito: «Es geht auch darum, am sozialen Leben teilzunehmen, gemütlich im Café zu sitzen, vielleicht Zeitung zu lesen.» Das Angebot wirke sich dadurch positiv auf das städtische Zusammenleben aus.

Erfolgreicher Start in Luzern

Das Projekt exisitiert seit 2014 und ist besonders in Basel und Bern richtig bekannt. Rund 40 Lokale seien mittlerweile dabei, so Esposito. In Luzern steht «Café Surprise« noch am Anfang.

Wer macht mit?

Lokale, die solche «Café Surprise» anbieten, haben ein entsprechendes Logo an der Eingangstür aufgeklebt und sämtliche Betriebe sind online aufgeführt.

Bis jetzt sind in Luzern die Jazzkantine, das Blend Teehaus, das Pastarazzi, die Meyer Kulturbeiz und alle drei Lokale von Quai4 mit dabei.

Seit dem Start zu Beginn diesen Jahres haben sich jedoch bereits sieben Lokale in Luzern angeschlossen, was im Vergleich zu Zürich – mit fünf Betrieben in drei Jahren – ein echter Erfolg ist. «Die Rückmeldungen sind sehr positiv, und dass sich in weniger als einem Jahr so viele melden, ist toll», freut sich Esposito und ergänzt: «Aber ich hoffe natürlich, dass es noch mehr werden.»

Hemmschwelle überwinden

Die Kulturbeiz Meyer am Bundesplatz und die Jazzkantine sind seit einigen Monaten dabei. Pächter Dominik Meyer hat die Erfahrung gemacht, dass die Gäste sehr positiv reagieren und gerne Kaffees spendieren: «Wir haben immer ungefähr zwölf auf der Liste.» Doch oft seien es dieselben paar Gesichter, welche die Kaffees dann auch beziehen. «Es ist natürlich immer erstmal eine Hemmschwelle da, einen solchen Kaffee zu bestellen», vermutet der Gastronom. «Man müsste das Angebot breiter bekannt machen und über verschiedene Institutionen streuen», so Meyer. Sodass vielleicht auch Alleinerziehende oder von Altersarmut betroffene Menschen, die sonst selten auswärts etwas trinken gehen, das Angebot kennenlernen.

Das Angebot gilt seit August diesen Jahres auch im Blend Teehaus in der Furrengasse. «Wir sind dabei, weil wir es eine schöne Idee finden, einander auf so eine einfache Art Gutes zu tun», sagt Bloem Mustafa-Koks, die das Café gemeinsam mit ihrem Mann führt. Die Holländerin betont auch, wie sehr sie das Vertrauen dahinter schätzt, welches bisher auch nicht ausgenutzt worden sei.

«Es muss sich erst noch rumsprechen.»
Glen Lecardonnel, Pastarazzi Luzern

Die Leute seien sehr interessiert, genutzt worden sei es jedoch noch nicht sehr oft. «Aufgeschobene Kaffees haben wir ungefähr 15, konsumiert wurde bisher etwa die Hälfte», so Mustafa-Koks, die in ihrem Café wie andere Lokale auch schon früher zwischendurch einen Kaffee an Bedürftige ausgegeben hat.

Auch das «Pastarazzi» in Luzern ist seit Kurzem dabei und geht sogar noch einen Schritt weiter. Hier bezahlt man als Gast für ein aufgeschobenen Kaffee lediglich 2 Franken zusätzlich zum eigenen. «Wir wollten das Projekt auch von uns aus unterstützen und übernehmen deshalb den Restbetrag», heisst es von Seiten des Pastarazzi-Teams. Wirklich oft in Anspruch genommen worden seien die ausgegebenen Kaffees jedoch auch hier noch nicht.

Glen Lecardonnel ist überzeugt: «Ich glaube, dass gerade die einen Gratiskaffee gebrauchen könnten, die das Angebot vielleicht noch gar nicht kennen», so Lecardonnel. Und er scheint damit genau richtig zu liegen.

Im Pastarazzi hat es bereits einige aufgeschobene Kaffees, die getrunken werden können.
Im Pastarazzi hat es bereits einige aufgeschobene Kaffees, die getrunken werden können. (Bild: jav)

Vielen Bedürftigen noch unbekannt

Betriebsleiterin der Gasse-Chuchi in Luzern, Franziska Reist, hat sich für zentralplus bei ihren Mitarbeitenden als auch bei den Gästen kurz umgehört. Ob das Angebot bereits bekannt ist und wie die Haltung der Idee gegenüber ist, wollte sie wissen.

Bekannt sei das Projekt den meisten noch nicht. Doch ein Teil der Gäste, welche sie gefragt habe, würden das Angebot gerne nutzen. «Die Idee kommt bei den meisten gut an», sagt Reist. Doch Reist vernahm auch kritische Stimmen: «Ein Gast meinte, wenn er einen Kaffee bestelle, dann bezahle er ihn auch.» Zudem seien sie in einem Café sowieso nicht gerne gesehen. Da trinke er lieber einen Kaffee für 80 Rappen in der Gasse-Chuchi. 

Natürlich gäbe es auch Lokale, die wenig interessiert daran sind, bedürftige Menschen anzuziehen, weiss Zaira Esposito von ihren Besuchen bei Gastronomen, wenn sie die Idee jeweils vorstellt. «Doch alle, die dabei sind, sind begeistert und wollen ein lebendiges Lokal mit durchmischter Kundschaft.»

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