Kaffee ist die Bohne, die die Welt auf Touren bringt – Neue Zürcher Zeitung

Kaffee ist ein klassisches Beispiel für das, was früher als Kolonialwaren bezeichnet wurde. Angepflanzt wird er vorwiegend in den weniger entwickelten Ländern des Südens, der Grossteil des Konsums hingegen findet in den OECD-Ländern statt. Allerdings ist der grösste Produzent, Brasilien, auch einer der grössten Konsumenten von Kaffee. Von den 55 Mio. Sack Kaffee, die das Land in der Saison 2016/17 produzierte, wurden gut 20 Mio. in Brasilien selber konsumiert. Weltweit betrug die Produktion im letzten Jahr gut 154 Mio. Sack à 60 kg. Zwei Drittel davon stammen aus Brasilien, Vietnam, Kolumbien und Indonesien.

Gut die Hälfte des weltweit geernteten Kaffees wird in den entwickelten Märkten USA, Westeuropa und Japan konsumiert. Der grösste Importeur war 2016 nach Angaben der International Coffee Organisation (ICO) die Europäische Union mit gut 80 Mio. Sack. Rund ein Viertel des EU-Imports geht nach Deutschland. Die USA kommen auf knapp 29 Mio. Sack. Im Gegensatz zu den meisten anderen Rohwaren, bei denen China einer der wichtigsten Konsumenten ist, spielt das Reich der Mitte bei Kaffee (noch) kaum eine Rolle.

Die kleine Schweiz ist der fünftgrösste Importeur. Die Statistiken der eidgenössischen Zollverwaltung zeigen, dass aber auch fast 70 000 t Kaffee und kaffeehaltige Produkte ausgeführt wurden. Nach Gewicht sind das 40% der importierten Menge. Dass die Ausfuhren von Kaffeeprodukten dreimal so viel wert waren wie die gesamten Einfuhren, zeigt, wie viel Mehrwert bei der Verarbeitung in der Schweiz geschaffen wurde.

Die klassische Masseinheit für Kaffee ist ein Sack, der 60 kg wiegt. Eingeführt wurde diese Verpackung – traditionell aus Jute hergestellt – vor rund 200 Jahren in Brasilien und hat sich als weltweiter Standard durchgesetzt. Allerdings wird immer weniger Kaffee auch in diesen Säcken gehandelt. Denn das Laden und Umladen der Säcke ist sehr arbeitsintensiv. Ausserdem schützt die Jute nicht vor Feuchtigkeit.

Immer häufiger kommen grössere Verpackungen zum Einsatz: Plasticsäcke mit 1 t Inhalt oder gar riesige Plasticauskleidungen für Schiffscontainer, die 21,6 t Kaffee fassen. Dadurch sparen sich die Kaffeehändler nicht nur Umladekosten, auch passt so mehr in jeden 20-Fuss-Container. Wird ein Container mit Kaffee in Säcken vollgeladen, wofür neun Männer eine gute Stunde brauchen, fasst dieser 2 t weniger.

Brasilien ist auch hier wieder Vorreiter: Weniger als 10% des dort angebauten Kaffees werden mittlerweile noch in Jutesäcken verschifft. Anderswo ist der Jutesack noch stärker verbreitet. Und für Spezialitätenkaffee, der in viel kleineren Mengen gehandelt wird, wird der Jutesack wohl noch länger verwendet werden. Auch als Masseinheit wird der Sack kaum so schnell verschwinden. So werden verschiedene Getreide vor allem in den USA noch immer in Bushel (Scheffel) gemessen, obwohl diese schon lange als Schüttgut transportiert werden.

Zwar werden die Bohnen in riesigen Mengen gehandelt, doch Kaffee ist nicht gleich Kaffee. Die wichtigste Unterteilung ist jene in die beiden Sorten Arabica und Robusta. Arabica ist hochwertiger und löst daher im Allgemeinen höhere Preise als Robusta. Je nachdem, wie die Ernten der beiden Sorten ausfallen, ist der Preisunterschied aber grösser oder kleiner. Robusta-Kaffee, der vor allem auch für löslichen Kaffee wie Nescafé verwendet wird, kann an den Warenbörsen auch einmal teurer sein als Arabica, wenn zum Beispiel die Ernte für diese Sorte besonders schlecht ausfällt. Viele im Handel erhältliche Kaffeevarianten sind Mischungen aus Arabica und Robusta.

Die Sorte Arabica macht rund zwei Drittel der weltweiten Kaffeeproduktion aus. Sie ist heikler und benötigt mehr Pflege: So braucht sie zwar Wärme, ist aber anfällig auf zu grosse Hitze. Ideal wächst Arabica in den Tropen in Höhenlagen zwischen 600 und 2000 Metern. Länder in Zentral- und Südamerika produzieren vor allem Arabica; mit Abstand der grösste Arabica-Produzent ist Brasilien. Robusta hingegen ist hitzeresistenter und wird darum in tieferen Lagen angepflanzt. Vietnam ist führend in der Robusta-Produktion; fast die gesamte Produktion des Landes ist von dieser Sorte.

Weil Kaffee, namentlich Arabica, empfindlich auf Temperaturveränderung reagiert, ist der Klimawandel eine Gefahr für den Kaffeeanbau. Eine Studie der University of Vermont geht davon aus, dass die Produktion bis 2050 in Lateinamerika um bis zu 88% zurückgehen könnte. Vor allem Nicaragua, Honduras und Guatemala wären nach Ansicht der Forscher betroffen. Auch Anbaugebiete in Afrika und Asien könnte es treffen. Mit den steigenden Temperaturen müssten die Kaffeeplantagen in höhere Lagen verlegt werden. Doch dort steht weniger Land zur Verfügung.

Die Forscher gehen von einem Anstieg der Temperaturen bis 2050 um 2,6 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter aus – sie sind skeptisch, dass die Zwei-Grad-Schwelle, zu der sich die internationale Gemeinschaft in Paris verpflichtet hat, eingehalten werden wird. Für Konsumenten würde dies bedeuten, dass weniger qualitativ hochstehender Kaffee erhältlich wäre, der entsprechend mehr kosten würde. Weit schlimmer träfe es freilich die Kaffeebauern selbst, die ihr Einkommen verlören. Denn vielerorts wird Kaffee von Kleinbauern angebaut, für die die Bohnen häufig die einzige Möglichkeit sind, Geld zu verdienen.

Während die Strukturen auf Produzentenseite fast überall sehr kleinteilig sind, wird Kaffeeverkauf an Endkunden von wenigen Grosskonzernen dominiert. Marktführer ist Nestlé. In wenigen Jahren hat sich mit Investitionen von 30 Mrd. $ JAB an zweite Stelle manövriert. JAB ist die Beteiligungsgesellschaft der deutschen Familie Reimann, zu der Marken wie Jacobs Douwe Egberts, Keurig Green Mountain oder Caribou Coffee gehören. Bei Nestlé sorgen Nescafé und Nespresso für den grössten Teil des Umsatzes, doch der Konzern aus Vevey setzt auch auf kleinere Marken wie Blue Bottle Coffee, eine kleine amerikanische Kette, die vor kurzem zugekauft wurde.

Gegenwärtig findet im globalen Kaffeemarkt eine Konsolidierung statt, welche die Analytiker von Rabobank mit der Entwicklung im Biergeschäft vergleichen. Vor allem im Premium-Geschäft würden die Marken zunehmend globaler, schreiben sie in einer aktuellen Studie. Wirklich globale Kaffeemarken hätten gegenwärtig nur Nestlé und Starbucks. Doch sei es auch möglich, die Distributionskanäle von nationalen und regionalen Champions zu nutzen, um starke Marken in neue Märkte einzuführen.

Vorgemacht hat es im Biergeschäft AB InBev, die so Corona oder Stella Artois globalisiert hat. Eine klare Nummer drei gibt es hinter Nestlé und JAB im Moment nicht. Als Kandidaten sieht Rabobank Lavazza, Starbucks und Coca-Cola. Der amerikanische Softdrink-Produzent ist verstärkt im Geschäft mit Fertigkaffeegetränken tätig. Während in Europa mancher noch schief schaut, dass ein Kaffee auch aus der Dose kommen kann, spukt in Japan praktisch jeder Getränkeautomat solche Getränke aus.

In den entwickelten Märkten sehen sich die Kaffeeverkäufer mit einer abflachenden Nachfrage konfrontiert. Grosse Hoffnung setzen sie vielerorts auf Kapselsysteme wie Nespresso, die höhere Margen versprechen. Während diese in Westeuropa 13% des Umsatzes ausmachen, sind sie zum Beispiel in Asien noch gar nicht verbreitet. Überhaupt gibt es grosse regionale Unterschiede, ob die Kunden Kaffee als geröstete Bohnen, gemahlen, als lösliches Pulver oder in Kapseln kaufen. Auch neue Getränke auf Kaffeebasis sollen zum Wachstum beitragen. So hat Starbucks in den USA einen Eiskaffee eingeführt, der mit Stickstoff versetzt ist. Dieses sprudelnde Getränk wird vom Zapfhahn serviert.

Powered by WPeMatico

Antiques

AdSense